Didaktischer und wissenschaftlicher Ertrag

(1) für das Italienisch-Studium in Düsseldorf
(2) für alle anderen Benutzer

 

(1) für das Italienisch-Studium in Düsseldorf

Die Thematik lernerrelevanter Inhalte wie ‚Lernergrammatik(en)‘, ‚Lernerwörterbücher‘, ‚Phraseologie‘ und ‚Diskursmarker‘ wird in der Lernerplattform Italienisch aus zwei Perspektiven vermittelt: aus der Sicht des Lerners (Studierende, die Italienisch im Rahmen des Bachelor- und insbesondere Masterstudiums erlernen) und aus einer Meta-Perspektive, i.e. aus derjenigen der Theorie und Praxis der Lernergrammatikographie, Lernerlexikographie, Phraseologie/Phraseodidaktik und Diskurspragmatik.

Die durch kompilatorische und korpuslinguistische Arbeitsmethoden zusammengestellten sprachlichen Materialien sind zentraler Bestandteil des Italienischstudiums. Sie betreffen besonders lernerrelevante Grammatikphänomene wie Pronomina, indirekte Rede, Konjunktiv, Komparativ (Bereich 1), ausgewählte Normfragen (Bereich 2), lernerlexikographisch besonders „ergiebige“ und geeignete Lemmata (Bereich 3, Lexikon), Phraseme, z.B. idiomatische Wendungen (Bereich 4) und Diskursmarker (Bereich 5).

Durch eigene Vorschläge zu den Bereichen (1) und (3), die sich als Transferleistung innerhalb der Masterseminare verstehen, sammeln die Studierenden wertvolle praktische Erfahrungen als Autoren von Grammatikkapiteln und Wörterbuchartikeln. Dieses Plus kann nicht hoch genug eingeschätzt werden und hat bereits dazu geführt, dass Studierende des Masters Italienisch: Sprache, Medien, Translation ein bezahltes Praktikum bei renommierten italienischen Wörterbuchverlagen erhalten haben.

Durch die Lernerplattform Italienisch werden Forschung und Lehre auf vorbildliche Weise miteinander verknüpft. Nicht nur lernen die Studierenden lernerlexikographische und lernergrammatikographische Inhalte und Methoden sowie linguistische Theorien (Frame-Semantik, Konstruktionsgrammatik) und Aspekte der Sprachnormdiskussion kennen, sie gestalten diese Themen aktiv mit.

Unmittelbar damit in Zusammenhang steht die Möglichkeit, mehrere Abschlussarbeiten (B.A., M.A., Dissertation) zu den Bereichen (1) bis (5) mit der Möglichkeit der Nutzung der Datenbankergebnisse zu bearbeiten.

Durch die auch kontrastive Ausrichtung der Lernerplattform, die ja bereits konzeptionell und curricular im Masterstudiengang Italienisch: Sprache, Medien, Translation – dieser sieht ein Auslandssemester an der Universität Turin vor – verankert ist, ergeben sich zusätzliche Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit mit germanistischen Linguisten in Italien. Diese Kontakte existieren bereits mit Kolleginnen und Kollegen aus Turin, Mailand, Triest, Verona und Rom (Roma III).

(2) für alle anderen Benutzer

Da die Datenbank Lernerplattform Italienisch bereits jetzt, d.h. während ihrer Entstehungsphase, frei im Internet verwendet werden kann, steht sie all denjenigen, deren Interesse an der italienischen Sprache durch die üblichen Gratis-online-Wörterbücher oder durch die im Besitz befindliche Printversion einer italienischen Grammatik nicht befriedigt werden kann, offen. Grammatikalische Schwierigkeiten der italienischen Sprache für deutschsprachige Lerner und Benutzer werden in der Lernerplattform Italienisch ebenso erfasst wie sprachliche Besonderheiten des Italienischen, die selbst für Muttersprachler mit Unsicherheiten und Schwankungen im Gebrauch verbunden sind und die aus normativer Sicht nicht eindeutig geregelt bzw. bezüglich ihres Stellenwerts umstritten sind. Nirgends sonst erfährt der interessierte Benutzer zum Beispiel, in welchen Kontexten Italiener Sätze wie Se me lo dicevi venivo sagen, mit welchen Reaktionen sie gegebenenfalls rechnen müssen und unter welchen kommunikativen und sprachlichen Bedingungen solche Relativsätze durchaus akzeptabel oder sogar üblich sind.

Die Benutzer de Lernerplattform Italienisch können ferner umfangreiche und verlässliche Informationen zu den semantisch-pragmatischen Besonderheiten von Phrasemen und Diskursmarkern des Italienischen abrufen. Denn wer eine Sprache wirklich gut beherrschen möchte, der muss auch diese von Muttersprachlern ganz natürlich und wie selbstverständlich verwendeten Phänomene meistern. Die Lernerplattform bietet ein Maximum an Wissen darüber, wie Idiome und segnali discorsivi nicht nur zu verstehen, sondern auch aktiv zu verwenden sind.

Theoretische Basis dieser exhaustiven Beschreibung ist einerseits die Frame-Semantik, andererseits die gebrauchsbasierte Konstruktionsgrammatik (vgl. Schafroth 2015). Was die Frame-Semantik betrifft, so ist hier zum einen Fillmores semantics of understanding (Fillmore 1975, 1976) von Bedeutung, weil durch sie die Idee des verstehensrelevanten Wissens ins Spiel kommt – wiederaufgegriffen und diskurslinguistisch verarbeitet durch Busse (1988, 1991, 2012) bzw. framesemantisch durch Ziem (1988). Zum anderen ist jedes Phrasem Bestandteil eines Frames, der in der Lernerplattform durch die Kategorie ‚semantisches Feld‘ identifiziert wird. Zu jedem Phrasem werden weitere Frame-Bestandteile angegeben, seien sie phraseologischer (Thesaurus Phraseme) oder lexematischer Natur (Thesaurus Lexeme). Die Beschreibung der inhaltlichen Spezifika der Phraseme (z.B. semantische Rollen, illokutive und diskursive Funktion) sowie der formalen Besonderheiten morphologischer und syntaktischer Natur (z.B. mögliche Anschlüsse an Phraseme durch eine Präposition, einen Infinitiv oder indirekten Fragesatz) wird auf der Grundlage der ganzheitlichen Beschreibung der Konstruktionsgrammatik (Croft 2001, Fried/Östman 2004) durchgeführt. Ergebnis ist ein Annotationsapparat aller „Frame-Elemente“ (vgl. Fillmore 2004) in Form eines nach Basis- und Detailmodus unterschiedlich ausführlich darstellbaren Wörterbucheintrags, der PhraseoFrame genannt wird.

Die Beschreibung der formalen und inhaltlichen Besonderheiten von Phrasemen und Diskursmarkern, aber auch von Normschwankungen des Italienischen erfolgt auf der Basis italienischer Sprachkorpora wie PAISÀ, Webbit, Coris, Badip und La Repubblica sowie nach den gängigen zweisprachigen und einsprachigen Wörterbüchern (auch phraseologischen Spezialwörterbüchern) sowie Grammatiken des Italienischen. Zu den Deskriptoren gehören ferner begleitende Gesten und prosodische Merkmale, die, wann immer dies möglich ist, durch Videomaterial illustriert werden (s. z.B. figurati, mi raccomando).

Da die Lernerplattform wissenschaftliche und didaktische Ziele verfolgt, wird dem L2-/LS-Aspekt (Italienisch als Zweit- oder Fremdsprache) ausgiebig Rechnung getragen: durch die Berücksichtigung von Lernergrammatiken und Lernerwörterbüchern und den Einbezug von Sprachberatungsforen (z.B. der Accademia della Crusca), ebenso wie durch Formulierung von „Gebrauchshinweisen“ und „Empfehlungen für Lerner“.

Da auch eine kontrastive Perspektive für Deutschsprachige bedient werden soll, sind in den PhraseoFrames zu den meisten Bereichen lexikographische und korpusbasierte (eigene) Bedeutungsparaphrasen sowie, bei den Diskursmarkern, mindestens 10 Stellen aus übersetzter italienischer Literatur, enthalten.

Die Lernerplattform Italienisch möchte Anstöße für weitere lernerdidaktische sowie korpusbasierte Forschung geben. Die inventarisierten Bereiche (1), (2), (4) und (5) sollen erschöpfend Auskunft über die dort behandelten Phänomene geben, dergestalt dass weitere didaktische und/oder linguistische Hilfsmittel nicht mehr nötig sind, um ein Phänomen bestmöglich zu verstehen und selbständig anwenden zu können.

Der dritte Bereich (Lexikon) spiegelt die Arbeit im Düsseldorfer Masterstudiengang Italienisch: Sprache, Medien, Translation wider. Sämtliche Einträge wurden von Studentinnen und Studenten dieses Studiengangs erstellt. Sie bilden Musterartikel für ein learner’s dictionary des Italienischen, wie es derzeit leider immer noch nicht existiert (vgl. Schafroth 2011) ab.

Lernerplattform und Phraseologie in acht Sprachen

Schließlich ist die Lernerplattform Italienisch methodologische Grundlage für und Schnittstelle zum internationalen Projekt FRAME (Fraseologia Multilingue Elettronica), welches in Kooperation mehrerer Universitäten aus Italien, Deutschland, Belgien und Spanien durchgeführt wird und Phraseologie in acht Sprachen unter der Federführung von Elmar Schafroth (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Fabio Mollica und Paola Cotta Ramusino (Università degli Studi di Milano) vergleichend (auf onomasiologischer Grundlage) nach dem Beschreibungsmodell der Konstruktionsgrammatik (vgl. Benigni/Cotta Ramusino/Mollica/Schafroth 2015) erfasst.

 

Zitierte Literatur

Accademia della Crusca (2011): Consulenza linguistica. http://www.accademiadellacrusca.it/it/lingua-italiana/consulenza-linguistica (01.01.2016).

BADIP = BAnca Dati dell’Italiano Parlato (2003–2013). http://badip.uni-graz.at/it (01.01.2016).

Benigni, Valentina / Cotta Ramusino Paola M. / Mollica, Fabio / Schafroth, Elmar (2015): How to apply CxG to phraseology: a multilingual research project. Journal of Social Sciences 11/3, 275–288. http://thescipub.com/PDF/jssp.2015.275.288.pdf (01.01.2016).

Busse, Dietrich (1988): Kommunikatives Handeln als sprachtheoretisches Grundmodell der historischen Semantik. In: Jäger, Ludwig (Hg.), Zur historischen Semantik des deutschen Gefühlswortschatzes. Aspekte, Probleme und Beispiele seiner lexikographischen Beschreibung. Aachen: Rader, 247–272.

Busse, Dietrich (1991): Textinterpretation. Sprachtheoretische Grundlagen einer explikativen Semantik. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Busse, Dietrich (2012): Frame-Semantik. Ein Kompendium. Berlin & Boston: de Gruyter.

CORIS = Corpus CORIS (2011). http://corpora.ficlit.unibo.it/TCORIS (01.01.2016).

Croft, William (2001): Radical Construction Grammar: Syntactic Theory in Typological Perspective. Oxford: Oxford University Press.

Fillmore, Charles J. (1975): Santa Cruz lectures on Deixis 1971. Bloomington: Indiana University Linguistics Club.

Fillmore, Charles J. (1976): Frame semantics and the nature of language. In: Harnad, Steven R. / Steklis, Horst D. / Lancaster, Jane (eds.), Origins and Evolution of Language and Speech. Annals of the New York Academy of Sciences, vol. 280. New York: New York Academy of Sciences, 20–32.

Fillmore, Charles J. et al. (2004): Reframing FrameNet Data. In: Williams, Geoffrey / Vessier, Sandra (eds.), Proceedings of the Eleventh EURALEX International Congress, vol. I. Lorient: Université de Bretagne-Sud, 405–416. http://www.euralex.org/elx_proceedings/Euralex2004/045_2004_V2_PETRUCK,%20FILLMORE,%20BAKER,%20ELLSWORTH,%20RUPPENHOFER_Reframing%20FrameNet%20Data.pdf (01.01.2016).

Fried, Mirjam / Östman, Jan-Ola (2004): Construction Grammar: a thumbnail sketch. In: Fried, Mirjam / Östman, Jan-Ola (eds.), Construction Grammar in a Cross-Language Perspective. Amsterdam & Philadelphia: Benjamins, 11–86.

PAISÀ = Corpus PAISÀ (2012). http://www.corpusitaliano.it (01.01.2016).

(La) Repubblica Corpus (2004). http://dev.sslmit.unibo.it/corpora/corpus.php?path=&name=Repubblica (01.01.2016).

Schafroth, Elmar (2011): Caratteristiche fondamentali di un learner´s dictionary italiano. Italiano LinguaDue, n. 1. 2011, 23–52 (01.01.2016).

Schafroth, Elmar (2015): Italian phrasemes as constructions: How to understand and use them. Journal of Social Sciences 11/3, 317–337.

     http://thescipub.com/PDF/jssp.2015.317.337.pdf (01.01.2016).

WEBBIT = WEBBIT Corpus (2007). http://clic.cimec.unitn.it/marco/webbit (01.01.2016).

Ziem, Alexander (2008): Frames und sprachliches Wissen. Kognitive Aspekte der semantischen Kompetenz. Berlin & New York: de Gruyter.